Lange unterhalte ich mich anlässlich einer Bedarfsabklärung mit einer Klientin, die gemeinhin als «schwierig» bezeichnet wird. Will heissen, sie besteht auf ihrer Autonomie und lässt sich keine Ratschläge erteilen. Mit ihrer Meinung hält sie sich nicht hinter dem Berg. Ihre Angehörigen wissen zwar um ihre Demenz und können das Verhalten einordnen. Aber so einfach geht es dann eben doch nicht. Die Nerven innerhalb der Familie liegen blank, wie man so schön sagt.
Es gelingt mir sehr gut, der Frau Raum zu geben. Sie berichtet von ihrem Alltag, der ihr zunehmend mühsam wird. Sie klagt auch über das Gefühl, zu nichts mehr nütze zu sein. Dass sie nicht mehr singen kann, beschäftigt sie sehr. «Ich, die ich ein Konzertdiplom habe», sagt sie und blickt mich durch dicke Brillengläser an. Sie höre nicht mehr richtig und die Noten sehe sie verschwommen. Der Umgang mit dem (neuen) Hörgerät erweist sich als Herausforderung. Die Frau kommt mit den kleinen Geräten nicht zurecht. Sie ist der Ansicht, man habe sie im Geschäft schlecht beraten. So kommt natürlich niemand «drus». Sie empfindet, dass sich alle gegen sie verschworen haben: die Kinder, der Hörakustiker, die Gemeindebehörden.
Noch findet die Frau auf alle Widrigkeiten, die ihr das Leben bietet, eine schlagfertige Antwort.
Die Ordnung im Haus, alles ist verstellt, eine geordnete Unordnung, kommentiert sie mit den Worten «Wir bauen um, die Handwerker kommen demnächst». Zur Ordnung habe ich allerdings nichts gesagt, aber die Frau deutete meinen Blick, der wohl etwas zu lange auf einem grossen Stoss Zeitschriften und den Schachteln auf dem Sofa ruhte.
Die Anmeldung für die Spitex erfolgte über die Töchter. Die Frau war darüber erbost. «Alles hinter meinem Rücken und ausserdem unnötig».
Mittlerweile sind wir immerhin so weit, dass wir mit den Hörgeräten «helfen» dürfen Auch die Medikamente gibt die Spitex ab.
Das Gespräch verläuft weiter ruhig. Die Frau öffnet sich zusehends. Ich habe den Eindruck, als gewinne ich ihr Zutrauen. Den Begriff «Demenz» verwende ich im Gespräch nicht. Es geht vielmehr darum, wo die Frau im Alltag steht und wie es ihr geht. Ich denke also, ein «schönes» Gespräch und komme mir gut vor.
Doch dann kommt’s.
Beim Abschied gebe ich der Frau meine Visitenkarte, zur Orientierung, damit sie weiss, wer bei ihr war.
Die Frau, die nicht gut sieht, stürzt sich wie ein Raubvogel auf das Kärtlein. Das Wort «Demenzverantwortlicher» sticht ihr ins Auge. «Demenz» sagt sie laut: «Wer sind sie überhaupt/ was fällt ihnen ein/ wer schickt sie/ wer hat Demenz/ was ist Demenz/ bodenlose Frechheit».
Diplomatisch versuche ich, die Situation zu beenden. Der Erfolg ist bescheiden. Ich verabschiede mich und gehe.
Die Frau erzählt meinen Kolleginnen noch Tage nach dem Besuch, dass «en fräche Chaib» gekommen sei, der behauptet habe, sie habe Demenz.
Meine Visitenkarten sitzen nun nicht mehr so locker.
bedo